Die versteckten Manipulationen des Alltags

Plakativ ist am Mittwoch die Pressefreiheit als Grundpfeiler der Demokratie ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt worden. Gut so. Geschichte. Das war ein Tag. Es folgen 364 Tage, an denen sich Journalisten landauf, landab gegen Druck stemmen müssen. Die Versuche, das Ergebnis ihrer Arbeit zu beeinflussen, sind auch in Deutschland allgegenwärtig. Gedanken dazu, wie es heute und morgen weitergehen muss.

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„free you, free me, free us, free them“: Rund 100 Redaktionen in Deutschland haben zum Internationalen Tag der Pressefreiheit diese handschriftliche Botschaft von Yoko Ono auf der Titelseite gedruckt. Die Künstlerin hatte das Motiv im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger gestaltet, um gemeinsam ein Zeichen zu setzen. Foto: Hans Hendrik Falk / BDZV

Deutlich, entschieden und nahezu geschlossen haben Medien am 3. Mai auf den „Internationalen Tag der Pressefreiheit“ aufmerksam gemacht. Die Tagespresse lenkte mit einem von Kunst-Aktivistin Yoko Ono gestalteten Titelmotiv den Blick darauf, dass Medien und Medienmacher praktisch weltweit verfolgt, schikaniert und mit Gewalt an ihrer Arbeit gehindert werden.

Diese Missstände klar zu benennen, ist und bleibt bitter nötig:

  • weil autokratische Machthaber kritische Journalisten aufgrund ihrer Arbeit im Dienste und Interesse der Gesellschaft massenweise einsperren.
  • weil selbstherrliche Präsidenten alternative Fakten zu Wahrheiten umdeuten wollen.
  • weil Populisten die Arbeit von Journalisten pauschal verunglimpfen.
  • weil viele Menschen den Meinungen aus ihrer Filterblase mehr Glauben schenken, als geprüften Informationen und gesicherten Erkenntnissen.

Allerdings stoßen Journalisten auch abseits der Weltpolitik und fern von Krisengebieten auf Missstände und müssen die Freiheit ihrer Arbeit alltäglich und gegen Widerstände auf vielen Ebenen verteidigen.

Die Willkür beginnt vor der Haustür

Schon bei ihren ersten Schritten sehen sich junge Journalisten mit Akteuren aus allen Teilen der Gesellschaft konfrontiert, die Stimmungsmache in eigener Sache betreiben. Mal mehr, mal weniger geschickt, oft durchschaubar, mitunter unangenehm und aufdringlich. Wen das nicht abschreckt, wer den nötigen Instinkt und einen kritischen Geist in sich trägt, der lernt auf diese Weise immerhin früh, seine Sinne zu schärfen – und Strategien für solche Situationen zu entwickeln.

Die Versuche und Methoden sind vielfältig, mit denen Einflüsterer direkt oder indirekt Einfluss auf die Berichterstattung nehmen wollen. Sie sind in Deutschland von der Provinz bis in die Machtzentren der Republik allgegenwärtig und begegnen Journalisten täglich. Es beginnt mit der noch recht harmlosen Bitte, das soeben in den Block diktierte Zitat zur Sicherheit nochmals zu verlesen. Kumpelhaft klingt der Klassiker, dem Redakteure in vielen Facetten begegnen und mit dem sie in Wahrheit zum Schweigen vergattert werden sollen: „Passen Sie auf, ich erzähle Ihnen alles. Aber das dürfen Sie nicht verwenden…“
Es ist außerdem zur weit verbreiteten Unsitte geworden, dass vor Gesprächen erst einmal Bedingungen für die Arbeit von Autoren und Fotografen ausgelotet werden sollen. Am liebsten, um unbequeme Themen und Fragen gleich ganz auszuklammern. Es gipfelt in der Forderung, den gesamten Text vor Erscheinen vorzulegen. Sonst, ja sonst dürfe der Beitrag eben nicht erscheinen. Ach so?

Die Bandbreite dazwischen zu schildern, dürfte diesen Rahmen sprengen, ermüden und vom Kern ablenken: Etliche Entscheider, die in Sonntagsreden der Pressefreiheit ein Loblied singen, offenbaren schon montags eklatante Textlücken. Und spätestens dann, wenn die freie Presse sich erdreistet, das Tun und Lassen eben dieser Leute zu durchleuchten, muss die Freiheit dann doch Bitteschön auch mal ihre Grenzen haben.

Wir kennen von allem den Preis, aber selten den Wert

Dabei übersehen auch und gerade geübte Sonntagsredner allzu gern, dass es im Journalismus eben genau darauf ankommt, das zu veröffentlichen, was andere lieber verheimlichen möchten. Gefärbte und getrimmte Inhalte gehören ausschließlich in die geübten Hände der Werber und Vermarkter.

So unangenehm manche Schlagzeile sein mag: Journalisten sind in den seltensten Fällen die Ursache dafür. Sie sind die Wirkung. Journalisten recherchieren, analysieren, bewerten und ordnen ein. Sie decken auf, sie nennen Versäumnisse beim Namen. Und ja, sie machen dabei auch selber Fehler. Fehler, für die sie dann auch vor den Augen der Öffentlichkeit stehen und sich korrigieren müssen.

Wer unterdessen schlechte Presse fürchtet, zögert in der Regel nicht, seinen Einfluss beizeiten geltend zu machen – und setzt dabei alles in Bewegung, was der eigenen Deutung nützt und vor persönlichem Unheil schützt. Der zweifelhafte Zweck heiligt auch dabei gern die Mittel. Gottlob stellen unabhängige und überparteiliche Verlage diesen Versuchungen ein entschiedenes Bollwerk entgegen und widerstehen dem Druck von Außen – mit innerer Haltung, aus tiefer Überzeugung, den Grundfesten unserer Gesellschaft verpflichtet.

Dass gegenwärtig die Zahl der Recherche-Netzwerke und Zentralredaktionen steigt, während ein um die andere publizistische Stimme verstummt, ist zugleich eine traurige Zwischenbilanz zum Zustand der Medienvielfalt in Deutschland. Dies verrät leider viel über die zerbrechlicher gewordene finanzielle Grundlage einer freie Presse, und noch mehr über die erwachte Macht der „Influencer“.

Wer in dieser Lage vor Mächtigen einknickt, Interessen vermischt, Informationen zurückhält, verharmlost, bagatellisiert und beschönigt, setzt sein höchstes Gut aufs Spiel: seine Glaubwürdigkeit. Das sind dann keine handwerklichen Fehler mehr, das ist Vorsatz. Derlei Fahrlässigkeiten sind Wasser auf die Mühlen der „Lügenpresse“-Rufer und münden in einen Generalverdacht gegenüber Journalisten.

Wir leben in einer Zeit, in der wir von allem den Preis kennen, aber vielleicht zu selten den Wert. Deshalb und bevor es zu spät ist: Wir sollten die Arbeit von Journalisten fairer schätzen, ihre Courage bei der Abwehr der versteckten Manipulationen des Alltags anerkennen und entschiedener für die Freiheit der Presse eintreten. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf sie zu verzichten.

Christoph Linne, 5. Mai 2017

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Ein Kommentar

  1. Es fehlt ein wichtiger Punkt der Manipulationsversuche: Weil sich immer mehr Medienerzeugnisse in der Hand weniger, sehr neoliberal denkender Familien konzentrieren, ist deren Sicht auf die Weltwirtschaft derart dominant, dass sie gar nicht direkt zu manipulieren brauchen. Und die Forderung die freie Presse zu schützen schützt sie optimal.

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